Ghuznavi (Hg.): Drahtseilakt

Farah Ghuznavi (Hg.)

Drahtseilakt

Erzählungen aus Bangladesch

Originalsprache: englisch

Übersetzer: Claudia Wenner

12,50 EUR

Lieferzeit: 3-4 Tage

ISBN 978-3-86176-051-1

Lotos Werkstatt

erschienen: 2015

Einband: Taschenbuch

Seitenzahl: 130 S.

Format: 9,5x14,5 cm

Autorinnen: Shabnam Nadiya, Farah Ghuznavi, Tisa Muhaddes, Sharbari Ahmed, S. Bari

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Was zeichnet eine gute Kurzgeschichte aus? Sie hat uns etwas zu sagen, macht nachdenklich, und setzt sich im Kopf fest, nicht, um dort zu ruhen, sondern um sich dort umherzutreiben.

Die hier ausgewählten Erzählungen von fünf jungen Frauen aus Bangladesch gehören zweifelsohne in diese Kategorie. Jede einzelne Erzählung ermöglicht einen einzigartigen, teils drastischen Einblick in die Lebenswirklichkeit und Gedankenwelt der vielschichtigen Gesellschaft des heutigen Bangladesch. Und auch wenn allen Erzählungen ein verbindendes humanistisches Element gemeinsam ist, nämlich das Aufbegehren gegen Scheinheiligkeit, Ignoranz, Verblendung, so ist doch keine der Erzählungen konstruiert oder vorhersehbar. Vielmehr bestechen die Erzählungen durch die Feinheit, Vielschichtigkeit und Authentizität ihrer Figuren, und durch die Kunst des Erzählens selbst.

Jutta Duhm-Heitzmann schreibt über die frühen Kurzgeschichten Alice Munro's als von "... pointierten, genau beobachteten Momentaufnahmen an einem Punkt des Umbruchs ..."

Dies trifft auch für die Erzählungen dieser Auswahl zu, sei es in Bezug auf den allgegenwärtigen Umbruch der Gesellschaft von Bangladesch, in dem gerade Frauen eine entscheidende Rolle spielen, oder seien es persönliche Umbrüche im Leben der einzelnen Protagonisten.

In der Kurzgeschichte 'Lehrermangel' zum Beispiel wird eine "Momentaufnahme" vom gesellschaftlichen Umgang mit häuslicher Gewalt genommen. Erzählt wird dies aus der Perspektive eines Kindes, woraus eine Leichtigkeit des Erzählens möglich wird, jedoch nicht ein Unbeteiligtsein. In der eigenen Familie des Kindes genauso wie in der Nachbarschaft herrscht eine Atmosphäre des Wegsehens und Nicht-wissen-wollens gegenüber dem Missbrauch einer Nachbarin durch ihren Mann. Der gesellschaftliche Konsens zur Gewaltlosigkeit reicht über ein Lippenbekenntnis nicht hinaus, so dass es im entscheidenden Moment der Hilfsbedürftigkeit des Gewaltopfers an Initiative der 'guten Nachbarn' mangelt. In ihrer Not allein gelassen, muss das Gewaltopfer, eine Mutter, für sich und ihre Kinder allein einstehen, weil niemand die Courage aufbringt, gesellschaftliche Normen zu überwinden, auch nicht in Anbetracht der Gewalt von nebenan.

Die Erzählung 'Pepsi' ist ebenfalls aus kindlicher Perspektive erzählt und thematisiert so grundlegende und aktuelle Themen wie Offenheit und Toleranz bzw. Abgrenzung gegenüber Fremden. Ein Kind macht erste, aber nicht wenig drastische Erfahrungen mit der Ungleichheit in der Welt. Es erfährt tiefe innere Erschütterungen, da die Ungleichheit der Welt, durchgesetzt durch die Autorität der Erwachsenen, nicht Halt vor neu geknüpften Freundschaften macht.

'Wir sind bald da' schildert die Geschichte einer jungen Frau, die den Absprung aus der elterlichen Enge mit ihren traditionellen Vorgaben geschafft hat, und nun ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben in Dhaka führt. Trotz ihrer Emanzipation wird sie von ihrer Familie und ihrer eigenen Geschichte eingeholt, was unerwarteterweise auch die Chance in sich birgt, Neues und Gleichgesinnte in ihren Verwandten zu entdecken.

Die Kurzgeschichten 'Immer wieder' und 'Rühr-mich-nicht-an' reflektieren auf unterschiedliche Weise traumatische Erfahrungen sexueller Misshandlung und deren individuelle Verarbeitung bzw. Nicht-Verarbeitung, sowie gesellschaftliche Reaktionen darauf.

Diese kleine Auswahl an "Momentaufnahmen" zeichnet ein vielschichtiges Bild der Moderne in Bangladesch, weder gänzlich betrübt noch ausgesprochen euphorisch, nicht schwarz noch weiß, sondern facettenreich.


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